Marine Geophysik und Hydroakustik

NW-Afrika

 

Schon seit einiger Zeit erforscht die Arbeitsgruppe den passiven Kontinentalrand vor Nordwest-Afrika. Er wurde von einem komplexen Zusammenspiel von sedimentären Transportprozessen geprägt, sowohl quer als auch entlang dazu. Während mehrerer Ausfahrten wurden die sedimentären Transportprozesse zwischen 12° und 19°N vor dem Senegal, Mauretanien und der Westsahara anhand von geophysikalischen und sedimentologischen Methoden untersucht.  Mehr... Der Sedimenttransport am nordwestafrikanischen Kontinentalrand läuft in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Prozessen ab: Einige Abschnitte des Kontinentalrands weisen große Anzahl von Canyons im oberen Hangbereich auf, allerdings ohne Anzeichen für signifikante Massentransporte, wohingegen andere Abschnitte durch großräumige Massenumlagerungen ohne Canyons oder Rinnen gekennzeichnet sind. Vier Mega-Slides mit je einer Ausdehnung von mehr als 20.000 km² Seeboden wurden entlang des Kontinentalshangs vor Nordwest-Afrika entdeckt. Alle Slides haben eine komplexe Morphologie und zeigen die Form einer abgestuften Stirnseite, was typisch für regressives Versagen ist. Mehrere verschüttete Massentransportenablagerungen sind unter allen oberflächennahen Rutschungen seismisch abbildbar, welches auf eine lange Geschichte von Massentransporten in einigen Abschnitten des Hangs hindeutet.
Auf jüngste Fahrt (RV Merian Cruise, MSM32, 25.09.-30.10.2013) wurde die Region um den Agadir Canyon untersucht.

Ausbringen des tiefgeschleppten Sidescan Sonars TOBI.

Ausbringen des tiefgeschleppten Sidescan Sonars TOBI (vom NOCS).


Der Agadir-Canyon ist einer der größten Canyons der Welt, durch den große submarine sedimentäre Gravitationsströme in das Agadir-Becken und das marokkanische Turbiditsystem transportiert werden. Während das Agadir Becken und das dazugehörige Turbiditsystem sehr gut untersucht sind, existieren fast keine Daten aus dem Agadir-Canyon, der das Herkunftsgebiet der großen Turbiditströme darstellt. Die Beantwortung der Frage, warum bei einigen submarinen Hangrutschungen kohärente Blöcke auf ihrer hangabwärts gerichteten Passage bestehen bleiben, während andere Rutschungen sich komplett mischen, ist eine große wissenschaftliche Herausforderung; der Agadir-Canyon bietet hervorragende Möglichkeiten, um eine Antwort auf diese Frage zu finden. Während der Fahrt wurde ein dichtes Netz aus hydroakustischen Daten und ca. 1500 km seismischer 2D-Daten aufgezeichnet. Ca. 1000 km² Meeresboden wurden im Rahmen von drei TOBI-Einsätzen (tief-geschlepptes Sidescan Sonar des National Oceanography Centre Southampton) detailliert abgebildet. Insgesamt wurden 186 Kernmeter mittels Schwerelot und zahlreiche Proben mittels Großkastengreifer gewonnen. CTD-Profile wurden an 9 Stationen aufgezeichnet, darunter ein 13h Yo-Yo CTD. Die neuen Daten zeigen, dass der Agadir-Canyon das Herkunftsgebiet der weltweit größten sedimentären Gravitationsströme ist. Bis zu 160 km3 Sediment wurden während einzelner Ereignisse in die Tiefsee-Becken transportiert. Große Abrisskanten von Rutschungen wurden südlich das Agadir-Canyon entdeckt. Das Rutschungsmaterial tritt in ca. 2500 m Wassertiefe in den Canyon ein. Von dort wird das Material noch mindestens 200 km im Canyon als Schuttstrom transportiert. Vorläufige Altersabschätzungen deuten an, dass die letzte große Rutschung aus diesem Gebiet vor ca. 130.000 Jahren stattgefunden hat. Lebende Kaltwasserkorallen wurden in einem großen Hügelfeld nördlich des Agadir-Canyons beprobt. Unseres Wissens nach sind dies die ersten Funde lebender Kaltwasserkorallen vor Marokko (mit Ausnahme des Golf von Cádiz). Sie stellen damit ein wichtiges Bindeglied zwischen den bekannten Kaltwasser-Korallen Vorkommen vor Mauretanien und im Golf von Cádiz dar.

Bathymetrie des Agadir-Canyons

Bathymetrie des Agadir-Canyons, aufgezeichnet während der Ausfahrt MSM32.

 

Ansprechpartner für dieses Projekt: Sebastian Krastel

wichtigste Projektpublikationen:

  • Li W., Alves, T.M., Urlaub, M., Georgiopoulou, A., Klaucke, I., Wynn, R.B., Gross, F., Meyer, M., Repschläger, J., Berndt, C., Krastel, S. (accepted for publication in Marine Geology) Morphology, age and sediment dynamics of the upper headwall of the Sahara Slide Complex, Northwest Africa: Evidence for a large late Holocene failure
  • Krastel, S., Wynn, R.B., Feldens, P., Schürer, A., Böttner, C., Stevenson, C., Cartigny, M., Hühnerbach, V., Unverricht, D. (2016) Flow behaviour of a giant landslide and debris flow entering Agadir Canyon, NW Africa. In: Submarine mass movements and their consequences (eds: Lamarche, G. et al). Advances in Natural and Technological Hazards Research, 41, Springer, 145-154.
  • Glogowski, S., Dullo, W.-C., Feldens, P., Liebetrau, V., von Reumont, J., Hühnerbach, V., Krastel, S., Wynn, R.B., Flögel, S. (2015) The Eugen Seibold coral mounds offshore western Morocco: oceanographic and bathymetric boundary conditions of a newly discovered cold-water coral province. Geo-Marine Letters, 25, 257-269, DOI: 10.1007/s00367-015-0405-7
  • Krastel, S., Lehr, J., Winkelmann, D., Schwenk, T., Preu, B., Strasser, M., Wynn, R.B., Georgiopoulou, A., Hanebuth, T. (2014) Mass wasting along Atlantic continental margins: a comparison between NW-Africa and the de la Plata River region (northern Argentina and Uruguay). In: Submarine mass movements and their consequences (eds: Krastel et al). Advances in Natural and Technological Hazards Research, 37, 459-469.
  • Krastel, S., Wynn, R.B., Georgiopoulou, A., Geersen, J., Henrich, R., Meyer, M., Schwenk, T. (2012) Large scale mass wasting at the NW-African Continental Margin: some general implications for mass wasting at passive continental margins. Submarine mass movements and their consequences. In: Yamada, Y. et al. (eds), Advances in Natural and Technological Hazards Research, 31, Springer, 189-199.
  • Meyer, M., Geersen, J., Krastel, S., Schwenk, T., Winkelmann, D. (2012) Dakar Slide offshore Senegal, NW-Africa: Interaction of stacked giant mass-wasting events and canyon evolution. Submarine mass movements and their consequences. In: Yamada, Y. et al. (eds), Advances in Natural and Technological Hazards Research, 31, Springer, 177-188.
  • Pierau, R., Henrich, R., Preiß-Daimler, I., Krastel, S., Geersen, J. (2011) Sediment transport and turbidite architecture in the submarine Dakar Canyon off Senegal, NW-Africa. Journal of African Earth Sciences, 60, 196-208.
  • Georgiopoulou, A., Masson, D., Wynn, R.B., Krastel, S. (2010) The Sahara Slide: Initiation and processes from headwall to deposit of a giant submarine slide. G-cubed. 11-7. doi:10.1029/2010GC003066.

 

Übersicht der Rutschungen vor der Küste NW-Afrikas.

Übersicht der Rutschungen vor der Küste NW-Afrikas.

 

Ausbringen des Streamers für die Seismik an Bord des FS Maria S. Merian.
Ausbringen des Streamers für die Seismik an Bord des FS Maria S. Merian.
 
Sedimentproben und -kerne werden aus dem Großkastengreifer genommen.
Sedimentproben und -kerne werden aus dem Großkastengreifer genommen.
 
Schwerlot an Bord des FS Maria S. Merian.
Schwerlot an Bord des FS Maria S. Merian.